Kontroverse Diskussionen bei Informationsveranstaltung des SPD-Ortsvereins zur Umgestaltung von Wasserbauwerken an der Oste
Sittensen
20 Jan. 2012

Mit der Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) bis spätestens 2015 (Verlängerung bis 2021 oder 2027 möglich) soll ein „guter ökologischer Zustand" für alle Oberflächengewässer erreicht werden. Damit einher geht eine Gesamtdurchlässigkeit der Fließgewässer, um den Fischen und vor allem den Kleinstlebewesen ein barrierefreies Wandern in den Fluss- und Bachläufen zu ermöglichen. Dem Herstellen der Passierbarkeit stehen indes Wehre und Abstürze entgegen. In der Samtgemeinde Sittensen sind dies im Bereich der Oste und am Alpershausener Mühlenbach insgesamt sieben Querbauwerke. Dies erfuhren die etwa 70 Teilnehmer einer Informationsveranstaltung, die der SPD-Ortsverein Börde Sittensen initiiert hatte und die von Ulrich Stabenau moderiert wurde. Nahezu drei Stunden wurde kontrovers diskutiert, denn vor allem der geplante Abriss des alten, maroden Stauwehrs Groß Meckelsen ist bei einem Teil der Bevölkerung umstritten. Grund: Die angeblich kulturhistorische Bedeutung der Anlage, die demzufolge Bestandteil des geplanten, kulturhistorischen Wanderweges werden soll.

Die erforderlichen Maßnahmen zur Umgestaltung der Wasserbauwerke, die durch Sohlgleiten ersetzt werden sollen, stellten Volker Rebehn vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und Wilhelm Meyer, Geschäftsführer des Unterhaltungsverbandes Obere Oste, vor. Der Verband fungiert als Träger der kleineren Umgestaltungen, für das Sittenser Mühlenwehr ist die Gemeinde Sittensen zuständig. Die Herstellung der Sohlgleite dort ist nach Angaben von Volker Rebehn „nicht ganz billig“ – veranschlagt wurden 330.000 Euro – wobei es Zuschüsse vom Land Niedersachsen in Höhe von 90 Prozent gibt. Er betonte, dass für alle Maßnahmen eine wasserrechtliche Erlaubnis und das Einverständnis der Eigentümer notwendig sei.
Wenngleich sowohl die Förderzusagen als auch die Genehmigungen durch den Landkreis für die Umgestaltungsmaßnahmen bereits vorliegen, hat die Gemeinde Sittensen noch keinen endgültigen Beschluss für einen Umbau gefasst. Grund: Es wird befürchtet, dass die Spundwand zwischen Oste und Mühlenteich nicht standhalten könnte. Damit würden erhebliche Folgekosten drohen, die letztlich die Gemeinde tragen müsste. Die politischen Gremien wollen sich mit diesem Thema nun noch intensiv auseinandersetzen. Die beiden Experten sahen indes diese Probleme nicht und rieten dazu, das beauftragte Ingenieurbüro einzuladen und mit den Fachleuten darüber zu beraten.
Wilhelm Meyer ließ wissen, dass die Umgestaltungsmaßnahmen der Absturzbauwerke Mitte des Jahres starten sollen. Sowohl er als auch der NLWKN-Vertreter betonten, dass es darum gehe, gesetzliche Vorgaben umzusetzen. „Wir haben keine großartigen Möglichkeiten, anders zu handeln“. Wie Meyer im Hinblick auf die Debatten um den Abriss des Groß Meckelser Ostewehres hervorhob, hätten die Naturschutz- und Wasserwirtschaftsbehörden des Landkreises einmütig beschlossen, das Bauwerk zu entfernen. Und sie bestünden darauf, die großflächige Ausspülung unterhalb des Wehres, den so genannten Kolk, zu erhalten. Somit sei es kaum möglich, das Mauerwerk zu erhalten und die Sohlgleite eventuell durch das Wehr zu legen. In dem Fall müsse die Betonsohle entfernt werden, was den Einsturz des gesamten Bauwerkes zur Folge haben könne.
Der Bürgermeister der Gemeinde Groß Meckelsen, Dirk Detjen, betonte, dass der Rat keine Veranlassung gesehen habe, dem Abriss nicht zuzustimmen, zumal das Wehr nicht im Besitz der Gemeinde stehe und der Eigentümer der Maßnahme zugestimmt habe. „Hier handelt es sich um Privatbesitz“, stellte er nochmals ausdrücklich heraus.
Während Dr. Ansgar Hoppe vom niedersächsischen Heimatbund „die Wege zur Erhaltung historischer Wasserbauwerke aufzeigte“ und Zweifel hegte, ob die Belange von Natur und Kultur beim geplanten Abriss des Groß Meckelser Wehres genügend berücksichtigt worden seien, begrüßte Ralf Gerken vom Landessportfischerverband „ausdrücklich“ die Umgestaltungsmaßnahmen zur Durchgängigkeit aller Fließgewässer. „Ich möchte klarstellen, dass es sich um eine staatlich verpflichtende Aufgabe handelt. Die Gewässer werden durch Stauwehre abgegrenzt und stellen eine große Beeinträchtigung für kleine Fische dar“. Außerdem würden der Verband und die Sportfischervereine vom Unterhaltungsverband an den Planungen „offensiv“ beteiligt.
Reinhard Brünjes, Vorsitzender des Touristikverbandes Rotenburg, wies auf das Vorhaben hin, einen kulturhistorischen Wanderweg in der Samtgemeinde Sittensen einzurichten und bedauerte es, wenn der Weg nicht wie geplant entlang des Groß Meckelser Stauwehres führen könne. Dirk Detjen gab daraufhin erneut zu bedenken, dass gar kein offizieller Weg vorhanden sei und die Flächen sich in privatem Eigentum befänden.
Wilhelm Meyer machte abschließend nochmals deutlich, dass die Umgestaltung für Mitte 2012 anberaumt sei, da sonst die Fördergelder verfielen. „Nach dem Sommer droht Hochwasser, dann folgen die Laichzeiten der Fische, da wird es immer schwieriger mit der Durchführung der Arbeiten. Eigentlich ist es schon fünf nach zwölf“. Wenn tatsächlich noch etwas am Konzept geändert werden solle, müssten sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen. Dafür sei aber auch ein ausgereifter Plan für den Bau eines kulturhistorischen Wanderweges nötig. Dass Wehr und Schleuse weg müssten, beruhe auf die Intention der Naturschutz- und Wasserbehörde. „Wir haben uns dem gebeugt, wenn jetzt noch alles gedreht werden soll, muss auch geklärt werden, wer die bereits entstandenen Planungskosten von 10.000 Euro ersetzt“, betonte der Geschäftsführer des Unterhaltungsverbandes.
Ein Zuhörer brachte es auf den Punkt, was wohl insgeheim viele denken: „40 Jahre hat keiner von dem alten Ding da in Groß Meckelsen geredet. Plötzlich ist es ein Relikt aus alten Zeiten und hat immense Bedeutung. Das kann ich nicht verstehen“. (hm)

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